Warum Voluntourismus kein Teil von socialbnb ist

Kann ich in einem socialbnb Freiwilligenarbeit leisten?

Ein socialbnb zu buchen bedeutet, in einer Unterkunft eines sozialen oder ökologischen Projekts zu übernachten, anstatt in einem herkömmlichen Hotel oder einer Herberge. Während des Aufenthalts kommst du in engen Kontakt mit den Menschen vor Ort und erhältst Einblicke in die wichtige Arbeit des Projekts. Wir bekommen oft die Frage gestellt: „Kann ich helfen? Kann ich auch einen Freiwilligenaufenthalt buchen?“ Es gibt mehrere Gründe, warum wir entschieden haben, dass das nicht Teil der socialbnb-Erfahrung ist. Zwar gibt es viele sinnvolle und hilfreiche Formen der Freiwilligenarbeit, aber in der Vielzahl der Angebote finden sich leider auch negative Nebeneffekte wieder. Vor allem bei Projekten, die mit Gemeinden, Kindern, traumatisierten Menschen oder wilden Tieren arbeiten, kann Freiwilligenarbeit zu einem Problem werden.

In diesem Blogbeitrag möchten wir euch einen Überblick über die größten Herausforderungen geben und dir zeigen, wie du auf Reisen trotzdem einen Mehrwert schaffen kannst.

Voluntourismus – ein Millionengeschäft

Unter Voluntourismus versteht man die Verbindung zwischen einem Urlaubsaufenthalt und der Mitarbeit in einem sozialen oder ökologischen Projekt. Es ist ein gut gemeinter Gedanke, etwas zurückzugeben, wenn man durch ein Land reist. Abgesehen davon, dass viele Menschen oft kurz nach der Schule eine neue Kultur kennenlernen und gleichzeitig produktiv sein wollen, ist es zu einer beliebten Möglichkeit geworden, den Lebenslauf zu aufzubessern.

Die zunehmende Beliebtheit dieser Form des Reisens hat eine milliardenschwere Industrie hervorgebracht 1.  Das Problem dabei ist, dass die primäre Funktion vieler Organisationen, die Voluntourismusprogramme anbieten, nicht die Entwicklungszusammenarbeit ist: Sie bieten stattdessen kommerzialisierten Unterhaltungstourismus an 2.  Um den Reisenden entgegenzukommen, ist die Mentalität der lokalen Projekte gegenüber den Freiwilligen oft so, dass die Bedürfnisse der Freiwilligen Vorrang vor den Bedürfnissen der Zielgruppe des Projekts haben 3.  

Dies zeigt sich insbesondere in kurzen Aufenthaltszeiten, maximaler Flexibilität, nachlässigen Auswahlverfahren, unzureichender Vorbereitung der Freiwilligen und attraktiven Aufgaben vor Ort. In einem deutschen Kindergarten könntest Du ja auch nicht ohne Berufserfahrung, ohne eine Überprüfung, wie gut du mit Kindern umgehen kannst, für nur wenige Tagen arbeiten! Hinzu kommt, dass Freiwillige in diesen kritischen Organisationen oft als primäre Bezugspersonen fungieren und emotionale Beziehungen zu diesen Kindern aufbauen dürfen. Die Freiwilligen werden früher oder später gehen, das Kind wird viele instabile Beziehungen zu häufig wechselnden und unqualifizierten Freiwilligen haben.

Das Gleiche kann in Projekten passieren, die mit Wildtieren arbeiten, welche dann als Touristenattraktion genutzt werden, anstatt in die Freiheit entlassen zu werden. Außerdem sind Wildtiere für eine artgerechte Entwicklung während ihrer gesamten Jungtierzeit auf feste Bezugspersonen angewiesen.

Die Arbeit lokal halten

Ein weiterer Faktor ist, dass die Arbeitsplätze von qualifizierten Menschen in dem Land, das die Freiwilligen besuchen, besetzt werden. Jemanden vor Ort zu beschäftigen oder sogar die Möglichkeit zur beruflichen Weiterentwicklung zu bieten, ist wahrscheinlich teurer als jemanden zu beschäftigen, der nur für kurze Zeit bleiben will. Neben der Kontinuität, die einheimische Mitarbeiter der Organisation bieten, kann in vielen Ländern eine einzige beschäftigte Person den Lebensunterhalt mehrerer anderer Familienmitglieder sichern, was sich wiederum auf die lokalen Gemeinschaften und Wertschöpfung auswirkt.  Leider haben soziale oder ökologische Projekte oft nicht die finanziellen Mittel, um Mitarbeitende einzustellen, und sind deshalb auf Freiwillige angewiesen.  Aus diesem Grund ist eine stabile Finanzierung für ihre Produktivität von entscheidender Bedeutung.

Geht’s um Profit oder um Impact?

Leider gibt es auch vermehrt immer wieder sogenannte Schein-Organisationen: Die dunkle Seite des Voluntourismusgeschäfts sind betrügerische Organisationen, die von außen wie gemeinnützige Projekte aussehen, während das Hauptziel jedoch darin besteht, Profit zu machen. Traurigerweise hat der Voluntourismus eine Nachfrage nach hilfsbedürftigen Menschen und Tieren geschaffen – auch wenn es diese eigentlich gar nicht gibt.  Ein Beispiel dafür ist die Situation der Waisenhäuser in Nepal: Hier haben 85% der so genannten Waisenkinder mindestens ein Elternteil 4.

Ähnlich ist die Situation in Ländern wie Uganda und Kambodscha. Da Waisenhäuser, deren Konzept auf der Arbeit mit Kurzzeit-Freiwilligen beruht, Gewinne erzielen, steigt der Bedarf nach Waisenkindern, und Familien werden auseinandergerissen, um die Nachfrage von Touristen nach kurzfristiger Freiwilligenarbeit mit Kindern zu befriedigen 5.  Oft ist es möglich, auch nur für ein paar Tage in Waisenhäusern zu arbeiten; die Kinder sind in keiner Weise vor Ausbeutung oder Missbrauch geschützt. Dies ist nur ein Beispiel dafür, warum wir ein sehr strenges Auswahlverfahren haben, um solche kriminellen Strukturen zu erkennen und zu verhindern.

Für dich- oder für die Locals?

Wir verbinden die Entwicklungsarbeit im Globalen Süden oft mit der Vorstellung, dass wir persönlich helfen können und dass unser Beitrag stets von Nutzen ist, da die Menschen unterprivilegiert sind und unsere Bemühungen immer geschätzt werden. „White saviourism“ ist ein Begriff, der die Vorstellung beschreibt, die wir von den Ländern des globalen Südens und unserer Beziehung zu ihm haben. Wenn man aus einem reichen Land in ein ärmeres Land kommt, hat man oft Stereotypen im Kopf, derer man sich gar nicht bewusst ist und die zum Teil ihre Wurzeln im Kolonialismus haben. Die Freiwilligen sehen sich oft als Helden, die wehrlosen, von Armut betroffenen Menschen helfen und so die Welt verbessern.

Viele dieser Vorstellungen sind stereotypisch oder sogar schlichtweg falsch und schaffen ein ungleiches Machtgefüge. Wenn wir nicht über dieses Thema reflektieren, fällt es uns leicht, die Gründe für diese sozialen Ungleichheiten zu vereinfachen. Auf diese Weise fügen sich Menschen aus dem Globalen Norden in Geschichten ein, die nicht ihre eigenen sind. Das Hauptziel ist nicht mehr, zu helfen, sondern oftmals eine Selbstdarstellung. Die Waisenhausindustrie ist nur ein Beispiel dafür, warum dies schädlich ist. Freiwilligenorganisationen können aus diesem falschen Narrativ Kapital schlagen. Achte darauf, mit welcher Einstellung du ein anderes Land besuchst. Ausführliche Informationen über den Umgang mit diesem Thema findest du auch in unseren Reisendenguidelines, die du nach deiner Buchung von uns bekommst.

Wie finde ich die richtige Organisation?

Aufgrund dieser kritischen Aspekte innerhalb der Freiwilligenarbeit ist es sehr wichtig für uns bei socialbnb zu entscheiden, ob wir mit einem Projekt zusammenarbeiten oder nicht.  Wir prüfen daher auch, unter welchen Umständen sie Freiwillige zulassen. Wir wählen Organisationen aus, die ein ähnliches Verständnis von der Bedeutung des Kinderschutzes und anderen vor Ausbeutung gefährdeten Gruppen haben. Kriterien für die Zusammenarbeit mit socialbnb sind zum Beispiel Kinderschutzrichtlinien und ein Mindestaufenthalt für Freiwillige. Die Projektarbeit der Organisation muss dabei immer im Fokus stehen.

Dennoch kann Freiwilligenarbeit gewinnbringend sein, wenn sie richtig gemacht wird. Das ist oft ein wichtiger Weg, um Einkommen für Projekte zu schaffen und sollte daher nicht völlig außer Acht gelassen werden. Wir hoffen trotzdem, dass der Tourismus als stabile Einkommensbasis eine wertvolle Alternative darstellt. Erfahre hier mehr über unser Verfahren zur Auswahl der Projekte, mit denen wir zusammenarbeiten. 

Wenn du überlegst, als Freiwillige*r zu arbeiten achte darauf, dass du genügend Zeit mitbringst, an einer Stelle anfängst, für die du qualifiziert bist, und dass die entsendende Organisation seriös ist. Versuche, keine Aufgaben zu erledigen, die auch von Einheimischen erledigt werden könnten. Überleg dir, was im Interesse derjenigen ist, die du unterstützen willst, und frag dich, ob das was du tust die beste Art zu helfen ist. Eine andere Möglichkeit zu unterstützen ist zu spenden und außerdem zu versuchen, dein Geld für Unternehmen und Attraktionen auszugeben, die sich in den Händen lokaler Besitzer*innen befinden und nicht in denen großer, internationaler Unternehmen.

Zusätzlich kannst du natürlich einen Aufenthalt in einem socialbnb buchen, um Einnahmen für die Projekte zu erzeugen und sie so unabhängiger vom Voluntourismus zu machen.